Gedichte

Das Kind im Brunnen

 

Das Kind spielt fein, es tobt und lacht,
dann plötzlich fällt es in den Schacht
Die Mutter sprach noch, sieh dich vor,
auch Vater lag dem Kind im Ohr

 

Das Kind es hörte all die Worte,
jene Worte von der Sorte,
die es doch schon oft vernahm,
auf allen Wegen mit bekam

 

Das Kind ist oft sehr dusselig,
den Mund spricht man sich fusselig,
vergisst den Ratschlag den es kriegt,
bis es dann im Brunnen liegt

 

 

Marno Howald


Lebenszeit

 

Sie folgt allein der Arithmetik,
dividiert erpicht und stetig,
des jungen Herzens Kontraktion,
vom Ersten hin zum letzten Ton
Der dann, schlussendlich als Quotient,
zu dem führt, was man Sterben nennt

 

 

Marno Howald


Im Stroh

 

Nun, das Leben ist wohl so,
wie eine Schäferstund im Stroh
Denn ganz egal wie schön es wird,
immer piekst was
Unerhört!

 

 

Marno Howald


Die Wache

 

Es ging bei Nacht der Leutnant hastig
mit seiner Waffe, ganz aus Plastik,
mit dem Gefreiten (ein Kollege)
in der Kaserne Streifenwege

 

Sie hörten hier ein knacksen, dort ein scharren
und luden beide durch die Knarren
Riefen Halt! Und auch, Wer da?
Weil´s dunkel war und man nichts sah

 

Sie schossen beide, wie die Irren!
und hörten Fensterscheiben klirren
Da rief der Leutnant: „Ach herrje!“
Da lag er nun, der UvD*

 

* Unteroffizier vom Dienst

Marno Howald


Der Eber

 

Der Jäger schoss, beherzter Hand,
den Eber, der im Felde stand
Doch war der Eber nicht gleich tot,
denn der Jäger schoss mit Schrot
Und dafür stand er zu weit ab,
paar Meter nur, doch letztlich knapp

 

Also ging der Jäger nun,
zum Eber hin, den Rest zu tun
Doch der war nur leicht verletzt,
aufspringt, nun den Jäger hetzt
Es endete zum Wohl des Schweins,
Jäger Null und Eber Eins

 

 

Marno Howald


Frühling

 

Der Duft der Blüte steigt empor
und bringt ein Lächeln mir hervor
Welches, als das erste Blatt
den ersten Baum verlassen hat,
sich in mir verbarg, so tief
und den ganzen Winter schlief,
dass ich es nicht, wollt ich es nehmen,
um es anderen zu geben,
fand, was ich doch sehr bedaure
und im Nachhinein erschaure,
da mancher, der mich nicht gekannt,
dachte, ich sei arrogant

 

Doch jetzt, wo Blumen blüh´n und duften,
die Bienen wieder fleißig schuften,
am ersten Baum, das erste Blatt,
den Lebensweg begonnen hat
Da kehrt das Lächeln mir zurück
und mit ihm auch ich ein Stück
Ja, der Frühling, welch ein Segen,
unbeirrt auf seinen Wegen,
tauscht des Menschens Unbehagen,
welches wächst in dunklen Tagen,
gegen so viel schönes ein
Ach Frühling, bleib auf immer Mein

 

 

Marno Howald


Wenn Leben vergeht

 

Die Finger sind ums Tau gelegt,
trotzend der Gewalt
Zitternd suchend tasten sie
das letzte bisschen Halt
Die Kraft entschwindet mehr und mehr,
die Verzweiflung aber bleibt,
während sich der Wind, laut lachend,
seine Hände reibt

 

Die Augen sind weit aufgerissen,
feucht der Tränen Flut
Suchend einen Punkt zu finden,
der im Taumeln ruht
Flehend jenes zu erblicken,
welches Hoffnung schenkt
und die ängstlichen Gedanken,
wenn auch nur kurz, in Schönheit tränkt

 

Es dringt die Sehnsucht durch den Wind,
getragen in die Weite
Die Liebe, die ich einst empfand,
weicht von meiner Seite
Mit jeder weiteren Sekunde,
die ich wankend steh´,
entferne ich mich dieser Welt,
hin, zur rauen See

 

Bald wird mir des Schicksals Laune
das Tau der Hand entziehen
Es werden meine Kräfte schwinden
und mit der Sehnsucht fliehen
Dann werde ich dem Meer entgegen,
fernab meines Seins,
bis in alle Ewigkeit
mit der Stille eins

 

 

Marno Howald